KLE Energie GmbH

Autor
Christian Koch

Aktualisiert am
10. Juni 2026

Photovoltaik

Energy-Sharing: Große Idee – aber lohnt sich das Stromteilen?

Anfang Juni 2026 startete in Deutschland offiziell das sogenannte Energy Sharing. Die Idee dahinter: Selbst erzeugter Solarstrom wird nicht nur im eigenen Haushalt genutzt, sondern mit anderen regionalen Verbrauchern geteilt – zum Beispiel innerhalb einer Nachbarschaft oder eines Quartiers. Das Konzept klingt vielversprechend: Mehr Eigenverbrauch, weniger Netzbelastung und eine stärkere lokale Energiewirtschaft. Doch ein genauer Blick zeigt: Die Umsetzung ist aktuell komplex – und in vielen Fällen wirtschaftlich noch nicht attraktiv. In diesem Beitrag erklären wir Ihnen verständlich, wie Energy Sharing funktioniert, wo aktuell die Herausforderungen liegen und ob sich das Modell für Sie lohnen kann.

 

Was ist Energy-Sharing überhaupt?

Beim Energy-Sharing schließen sich mehrere Teilnehmer zu einer Energiegemeinschaft zusammen. Innerhalb dieser Gemeinschaft wird lokal erzeugter Strom – meist aus Photovoltaikanlagen – gemeinsam genutzt. Hierbei wird der Strom nicht physisch von Haus zu Haus direkt übertragen, sondern mit Bilanzierungs- und Abrechnungsmodellen über das öffentliche Netz verteilt. Damit soll sowohl das Stromnetz entlastet als auch eine stärkere regionale Nutzung erneuerbarer Energien ermöglicht werden.

Chancen mit Energy-Sharing

Für Anlagenbetreiber eröffnet sich mit Energy-Sharing eine zusätzliche Perspektive: Überschüssiger Strom wird nicht mehr ausschließlich zum vergleichsweise niedrigen Vergütungssatz verkauft, sondern kann lokal sinnvoll vertrieben werden. Das macht größere Anlagen oder gemeinschaftliche Investitionen attraktiver und könnte dazu beitragen, dass sich Projekte schneller amortisieren.

Auch für Verbraucher ohne eigene Photovoltaikanlage entstehen neue Möglichkeiten. Sie erhalten Zugang zu lokal erzeugtem, erneuerbarem Strom, der potenziell günstiger ist als der vom Stromversorger. Das bietet nicht nur die Teilhabe an der Energiewende, sondern kann auch zu stabileren, niedrigeren Stromkosten führen.

Ein weiterer wesentlicher Vorteil liegt in der Dezentralisierung der Energieversorgung. Wenn Strom dort erzeugt und verbraucht wird, wo er benötigt wird, reduziert sich die Belastung der überregionalen Netze. Transportverluste sinken, und Lastspitzen können besser ausgeglichen werden. Besonders in Quartieren oder gewerblichen Standorten lassen sich so effizientere Gesamtsysteme aufbauen, die Erzeugung, Verbrauch und gegebenenfalls auch Speicher miteinander kombinieren.

Funktioniert Energy-Sharing in der Praxis?

In vielen Darstellungen wird Energy‑Sharing als intuitive Lösung beschrieben: Eine größere PV‑Anlage produziert Strom, mehrere Haushalte nutzen ihn gemeinsam, alle sparen Kosten. Dieses Grundprinzip ist zwar richtig – die praktische Umsetzung ist jedoch deutlich anspruchsvoller.

Um Energy-Sharing nutzen zu können müssen Messstellenbetreiber, Netzbetreiber und Stromlieferanten miteinander automatisch kommunizieren. Für das Energy-Sharing hat die Bundesnetzagentur noch nicht die nötigen Marktkommunikationsprozesse (MaKo) definiert. Nach Festlegung der Mako-Prozesse durch die Bundesnetzagentur müssen alle 866 Netzbetreiber, Messstellenbetreiber und die verschiedenen Stromlieferanten die Prozesse in Ihrer Software umsetzen. Erst danach ist Energy-Sharing in Deutschland möglich.

Außerdem müssen die Stromflüsse zeitlich genau gemessen und zugeordnet werden. Hierfür benötigt jeder Teilnehmende einer Energiegemeinschaft ein Smart-Meter (iMSys) eines Messstellenbetreibers. Jedoch hängen die deutschen Netzbetreiber mit dem iMSys-Rollout weit hinterher obwohl der Bedarf an Smart-Metern groß ist. Anfang 2026 waren erst ca. 5,5 % aller Stromzähler mit einem iMSys ausgestattet. Das bedeutet, selbst wenn ein Projekt technisch und organisatorisch gut geplant ist, kann es an der fehlenden Messinfrastruktur scheitern oder sich deutlich verzögern.

Beim Energy‑Sharing wird der Strom bilanziell über das öffentliche Netz verteilt. Dafür fallen grundsätzlich weiterhin Netzentgelte an und das in voller Höhe. Das ist regulatorisch nachvollziehbar, führt in der Praxis jedoch zu einem offensichtlichen Widerspruch. Denn genau solche lokalen Modelle leisten eigentlich einen Beitrag zur Entlastung der Netze. Wenn Strom dort erzeugt und verbraucht wird, wo er gebraucht wird, sinken Transportwege, Verluste und Lastspitzen. Rein systemisch betrachtet reduziert Energy‑Sharing also den Bedarf an Netzausbau und zentraler Infrastruktur. Trotzdem werden derzeit häufig dieselben Netzentgelte fällig wie bei klassischem Strombezug aus weit entfernten Kraftwerken.
Ein System, das nachweislich das Netz entlastet, wird wirtschaftlich kaum besser gestellt als eines, das es stark beansprucht. Dadurch gehen Teile des finanziellen Vorteils verloren, den Energy‑Sharing eigentlich bieten könnte.

In der Praxis bedeutet das:

  • Die technische Idee ist sinnvoll und effizient
  • Die regulatorische Umsetzung bremst jedoch die Wirtschaftlichkeit
  • Viele Projekte scheitern nicht an der Technik, sondern an den Rahmenbedingungen

Genau hier wird sich in den kommenden Jahren entscheiden, ob Energy‑Sharing tatsächlich breit umgesetzt wird. Denn ohne eine Anpassung der Kostenstruktur – insbesondere bei Netzentgelten – bleibt das Modell für viele Anwendungen wirtschaftlich weniger attraktiv als es eigentlich sein könnte.

Zusammengefasst: Warum viele Projekte noch scheitern

In der Praxis zeigt sich deshalb ein klares Bild:

  • Die technische Idee ist logisch und sinnvoll
  • Die rechtliche Grundlage ist vorhanden
  • Die Umsetzung scheitert jedoch häufig an drei Punkten:
    • hoher bürokratischer Aufwand
    • fehlende Smart‑Meter‑Infrastruktur
    • und eine Kostenstruktur, die lokale Nutzung nicht ausreichend belohnt

Blick ins europäische Ausland: Energy‑Sharing funktioniert vielerorts schon deutlich einfacher

Ein Blick auf andere europäische Länder zeigt, dass Energy‑Sharing keineswegs ein theoretisches Konzept ist, sondern bereits praxistauglich umgesetzt wird. Ein Blick auf andere europäische Länder zeigt, dass Energy‑Sharing keineswegs ein theoretisches Konzept ist, sondern bereits praxistauglich umgesetzt wird.
Der Grundgedanke ist dabei nicht neu: Er ist auf europäischer Ebene in der Erneuerbare‑Energien‑Richtlinie (Art. 22) verankert, die sogenannte Erneuerbare‑Energie‑Gemeinschaften definiert und ausdrücklich die gemeinschaftliche Nutzung von lokal erzeugtem Strom – also Energy‑Sharing – vorsieht.
Während Deutschland noch mit komplexen Strukturen, hohen Anforderungen und infrastrukturellen Engpässen kämpft, haben einige Nachbarländer deutlich einfachere Modelle etabliert.

Ein wesentlicher Unterschied liegt darin, dass Energy‑Sharing dort nicht nur formal erlaubt ist, sondern auch regulatorisch aktiv erleichtert wird, insbesondere bei Abrechnung, Netzentgelten und organisatorischen Anforderungen.

Überblick: Energy‑Sharing in ausgewählten Ländern

LandRegelung
ÖsterreichReduktion der Netzentgelte und Entfall von bestimmten Förderbeiträgen der Stromkosten
ItalienFörderung mit 11ct/kWh vom Verbrauch bei Energy-Sharing
PortugalReduktion der Netzentgelte nach nicht genutzten Netzebenen
SpanienWegfall von Umlagen, Abgaben und Steuern
PolenMöglicher Wegfall verschiedener Umlagen
DeutschlandHohe Bürokratiehürde und keine finanziellen Anreize & Einsparungen

FAQ: Umsetzung von Energy-Sharing

Teilnehmen können:

  • Privatpersonen
  • Kommunen
  • Kleine und mittlere Unternehmen
  • Bürgerenergiegesellschaften

Nicht erlaubt ist eine überwiegend gewerbliche Tätigkeit des Anlagenbetreibers.

Der lokal erzeugte Strom wird über das Verteilnetz bilanziell auf mehrere Teilnehmer verteilt.
Das funktioniert über:

  • Smart Meter (intelligente Messsysteme)
  • viertelstündliche Verbrauchs- und Erzeugungsdaten
  • Abrechnung über den Netzbetreiber

Teilnahme erfolgt über das öffentliche StromnetzJeder Teilnehmer benötigt:

  • einen Stromliefervertrag
  • einen Energy-Sharing-Vertrag
  • ein Smart-Meter

Die Teilnehmer müssen sich im gleichen Bilanzierungsgebiet befinden (ab 2026)

Typischer Ablauf

  • Teilnehmer definieren (z. B. Quartier oder Gewerbepark)
  • Verbrauch und Erzeugung abstimmen
  • Messkonzept mit Smart Metern umsetzen
  • Verträge abschließen
  • Abrechnung über Plattform oder Dienstleister organisieren

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